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proGusto 01-2017

Wo schmeckt der Kuchen am besten? Bei der Oma! Und sollte die Oma nicht (mehr) verfügbar sein, kann man in der Vollpension in der Schleifmühlgasse in Wien ziemlich gut „fremdgehen“: Denn dort backen Seniorinnen ihre Lieblings-Mehlspeisen nach alten Familienrezepten und servieren sie garniert mit spannenden Lebensgeschichten. Das passende Ambiente mit Schlagersound und Spitzendeckchen gibt’s gratis dazu. Alles begann im Jahr 2012 mit dem Verzehr eines trockenen Kuchens in einem Wiener Kaffeehaus. Mike Lanner und Moriz Piffl vermissten in dem staubigen Moment die saftige Mehlspeise ihrer Omas vom Land – und starteten gedanklich ein Kaffeehaus für Oma- Vermissende mitten in Wien. Über Nacht entstand der Name Vollpension, endgültig ins Rollen kam die Sache mit Mikes erfolgreicher Einreichung der Idee beim Social Design-Call der Vienna Design Week. Schon im September 2012 eröffnete dann für eine Woche die erste Pop-up-Vollpension im damaligen „Hosenlabor“, einer Schneiderei im 6. Wiener Bezirk. Gleich die Premiere übertraf alle Erwartungen und die Leute standen Schlange, um etwa ein Stück von Frau Charlottes Eierlikörkuchen zu ergattern. Schnell wurde klar, dass die Vollpension nicht nur ein Ort des Miteinander-Essens, -Lachens und Feine-Zeit-Verbringens ist, sondern einen wichtigen sozialpolitischen Charakter hat. Auf eine Jobanzeige in einer großen österreichischen Tageszeitung meldeten sich immer mehr Seniorinnen und Senioren. Gemeinsam hatten sie nicht nur den Spaß am Backen, sondern auch die Suche nach einer Zuverdienstmöglichkeit, da sie oft von ihrer kleinen Pension nur schwer leben konnten. Via Social Media feuerten schließlich die Oma-Fans die Suche nach einem fixen Lokal an, 2015 konnten die Betreiber dann endlich verlautbaren: „Die Oma kriegt einen permanenten Wohnsitz!“ – in der Schleifmühlgasse 16 im 4. Bezirk in Wien. Mit viel Liebe zum Detail und als Ergebnis der Zusammenarbeit vieler kreativer Köpfe und fleißiger Hände wurde über mehrere Monate hinweg „Omas öffentliches Wohnzimmer“ geschaffen. Da treffen nun grelle Schriften aus Neonlicht und fetzige Illustrationen auf jede Menge Oma-Kitsch in Form von unnachahmlichen Erinnerungsstücken – beispielsweise Lourdes-Weihwasser-Madonnen aus Plastik, pastellfarbene Porzellantiere, Häkeldecken – und eine sanfte Form von Chaos, in dem vieles nebeneinander Platz hat. Und natürlich die „dicke Berta“, das alte Sofa, das die Vollpension seit den ersten Tagen begleitet. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt: Zum Charme der Vollpension gehört dazu, dass man nie so genau weiß, was denn heute wieder Gutes für die Gäste aus dem Backofen kommt. Denn die Kuchen, Torten und Mehlspeisen stehen in der Vollpension nicht auf der Speisekarte, sie werden von den Omas täglich frisch und je nach Lust und Laune gebacken. Für all diejenigen, die in nächster Zeit nicht nach Wien und somit nicht in den Genuss der kultigen Kuchen kommen, haben uns die Damen drei ganz besonders leckere Rezepte verraten. Also: umblättern, Schürze an und losbacken! Mehr als nur ein Café: Die Vollpension ist ein Ort des Miteinander-Essens, -Lachens und Gute-Zeit- Verbringens – und das generationenübergreifend. Foto: © Claudio Farkasch 39


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